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"Europa ohne Ufer" und der globale Ideenaustausch

In früheren Leitartikeln vertraten wir die Ansicht, dass Ideen und Sprachen politische Grenzen überschreiten, nicht weil politische Grenzen keine Rolle spielen, sondern weil die Grenzen nie dicht waren und die politische Macht zwar ein wichtiger Akteur ist, aber nur einer unter vielen.

Wir haben den Ausdruck dem Titel eines berühmten, 1954 veröffentlichten Buchs des Wirtschaftswissenschaftlers, Historikers und Philosophen François Perroux (1903-1987) entlehnt1. Die Überlegungen dieses Nachfolgers von Joseph Schumpeter (1883-1950) zu Europa sind trotz der veränderten historischen Rahmenbedingungen nach wie vor absolut aktuell und erweisen sich in vielerlei Hinsicht als vorausschauend.

Ihm verdanken wir unter anderem ein besseres Verständnis der asymmetrischen und irreversiblen Einflüsse, die Menschengruppen, insbesondere Nationen, aufeinander ausüben, und eine neue Sicht der Wirtschaftsräume, die von geografischen Räumen und politisch organisierten Räumen zu unterscheiden sind. Er entwickelte insbesondere die Begriffe der "Wachstumspole" und "Entwicklungspole", die der berühmte Harvard-Professor Michael Porter vierzig Jahre später unter dem Begriff "Cluster" neu erfinden sollte.

Da wir uns besonders für kulturelle und sprachliche Phänomene interessieren, werden wir lieber das Wort "foyer" (Brennpunkt, Fokus) benutzen, da "foyer", das von "feu" (Feuer) abgeleitet ist, eine unendlich größere transzivilisatorische Symbolkraft besitzt als das Wort "cluster", das uns, wenn man der letzten Version des Dictionnaire historique de la langue française Glauben schenken darf, auf das altfranzösische "cloître" zurückführt. Die Version 2016 desselben DHLF führt den Begriff jedoch auf das Altenglische (vor 800) zurück, das von einem °klutto (modernes Englisch clot), dem indoeuropäischen Stamm °glod, °gloud, mit der Vorstellung einer zusammengeballten Masse abzustammen scheint. Cloître und cluster hätten somit die gleiche indoeuropäische Wurzel. Wie dem auch sei, die Verbindung zu cloître ist verlockend und höchstwahrscheinlich richtig, aber es rechtfertigt nicht die Eliminierung französischer Wörter wie "foyer", "centre", "pôle", "conglomérat", "agglomération", "concentration" usw., die ihre volle Berechtigung haben. Zumal die Verwendung des Wortes "Cluster" Ausdruck der doppelten normalisierenden Wirkung der Wissenschaftskreise und der Brüsseler Behörden ist, die den Übersetzern den Begriff in den 2000er Jahren im Sinne von "Wettbewerbspol" vorschrieben.

Wir benutzen also das Wort "foyer", mit der Vorstellung, dass es beim "Feuer" um seine Intensität, seine Ausbreitung und seine Ausbreitungsgeschwindigkeit geht, Potenziale, die dem armen "Cluster" völlig fehlen.

Vielleicht passt das Wort in einer ganzen Reihe von technischen Verwendungen, aber auf kultureller Ebene kann uns der Begriff "foyer" den Schlüssel zu vielen Phänomenen des Austauschs von Wissen und Ideen liefern, auf die wir im folgenden eingehen wpllen.

 

Französisch, eine nicht territorialisierte und nicht ethnische Sprache

Eine Theorie, die bis heute als Mantra oder Dogma kursiert, besagt, dass das Französische seinen Ursprung im Fränkischen habe, von dem man annimmt, dass es in Paris und den umliegenden Gebieten gesprochen wurde. Diese Sprache habe der König von Frankreich erwählt und in Frankreich auf Kosten der Regionalsprachen verbreitet, soweit es ihm seine Eroberungen gestatteten.

Da grobe Irrtümer manchmal ein Körnchen Wahrheit enthalten, hat diese Vorstellung, ergänzt durch ein dem Soziolinguisten Max Weinreich zugeschriebenes Bonmot "Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine"2, heute Hochkonjunktur und taucht in unerwarteten Formen wieder auf.

So findet Michel Feltin-Palas, ein Liebhaber der französischen Sprache und der Regionalsprachen, dessen Kolumnen wir oft veröffentlichen, folgende Formel, um die Politik, die Abbé Grégoire in seinem berühmten Bericht von 1794 an den Nationalkonvent "Rapport sur la nécessité et les moyens d'anéantir les patois et d'universaliser l'usage de la langue française" (Bericht über die Notwendigkeit und die Mittel, die Patois zu vernichten und den Gebrauch der französischen Sprache zu universalisieren) propagierte, neu zu bewerten: "Eine Politik, die einen Namen trägt: "Ethnozid", d. h. die Zerstörung der Kultur einer ethnischen Gruppe durch eine andere, mächtigere ethnische Gruppe".3

Man möge Michel Feltin-Palas dieses Zugeständnis an den Zeitgeist verzeihen, in dem sprachliche Exzesse zum täglichen Brot gehören. Aber eine solche Verkürzung wirft ein ernsthaftes Definitionsproblem auf.

Zunächst könnte man die Bewohner der ehemaligen Regionen Picardie oder Languedoc-Roussillon fragen, ob sie das Gefühl haben, eine "ethnische" Gruppe zu bilden. Was die andere Gruppe betrifft: Besteht diese ethnische Gruppe aus den Einwohnern von Paris und den umliegenden Gebieten oder aus allen Personen, die im 13. Jahrhundert Französisch sprachen oder schrieben? Die Frage ist wichtig, weil die Verbreitung der französischen Sprache damals wie heute keineswegs mit den Gebieten übereinstimmt, die zum Königreich Frankreich gehörten. In der 1999 unter der Leitung von Jacques Chaurand veröffentlichten Nouvelle Histoire de la langue française (Neue Geschichte der französischen Sprache) wird dies in einem Kapitel mit dem Titel "L'extension géographique du français et les frontières de la France4" (Die geografische Ausdehnung der französischen Sprache und die Grenzen Frankreichs) kartografisch dargestellt, wodurch deutlich wird, dass es bei weitem keine Übereinstimmung zwischen der Verbreitung einer Sprache und den politischen Grenzen gibt, was allerdings nicht bedeutet, dass diese Variablen unabhängig voneinander sind, aber sie haben ihre eigenen Entwicklungsgesetze. Und dieses Phänomen wird nie aufhören, sich auszudehnen.

Wichtig ist auch zu wissen, dass Französisch zu dieser Zeit und bis zum 19. Jahrhundert je nach Region von den unteren Schichten der Gesellschaft oft nicht gesprochen wurde. Die äußerst schnelle Vermehrung der juristischen und administrativen Urkunden in französischer Sprache im 13. Jahrhundert, oft mit Regionalismen eingefärbt, in Gebieten innerhalb und außerhalb des Königreichs Frankreich und sogar in fernen Ländern, zeigt, dass die Verbreitung des Französischen als Schriftsprache, die übrigens noch wenig standardisiert war, keineswegs marginal war.

Französisch ist also nicht mit der Sprache von Paris gleichzusetzen, und diese neue koinè ist, wie das Griechische in der Antike, in erster Linie eine nicht territorialisierte und nicht ethnische Sprache. Die Frage bleibt, welche Brennpunkte für die Verbreitung des Französischen verantwortlich waren5. Wir verweisen auf die umfangreiche Literatur zu diesem Thema, die zwar nicht einer Meinung ist, aber keinen Aspekt enthält, der den Unsinn, der in den Köpfen vieler Franzosen herumgeistert, bestätigt.

Was aber den Abbé Grégoire betrifft, so ist das wirklich ein anderes Thema. Er hätte - und das war offenbar sein Ziel - die Aufklärung im französischen Volk und den sozialen Aufstieg der Bürger durch Französisch als gemeinsame Sprache anstelle einer radikalen Einsprachigkeit propagieren können, daran besteht kein Zweifel. Ihn quasi als "Völkermörder" zu bezeichnen, reiht sich ein in den ideologischen und sprachlichen Extremismus, der überall blüht und eine echte Plage für unsere Gesellschaften ist.

 

Al-Andalus

Die Europäische Tagung für Mehrsprachigkeit, die das EFM in Cádiz gemeinsam mit der Universität Cádiz zum Thema "Mehrsprachigkeit zwischen Vielfalt und Universalität" veranstaltete, fand in einer Region Europas statt, die, so meinen wir, eine außergewöhnliche Quelle von Erkenntnissen für die Zeit ist, in der wir leben.

Andalusien war ein Spannungsfeld zwischen den Religionen, zwischen dem Islam und dem Christentum, aber nicht nur. Es war ein intellektuelles Spannungsfeld zwischen Theologie und Philosophie, zwischen religiösen Traditionalisten und religiösen Philosophen, die Wissenschaft und Religion miteinander in Einklang bringen wollten, im Zuge von Debatten, die im Christentum im 13. Jahrhundert ihre Entsprechung hatten. Aber mehr noch. Andalusien mit seiner Hauptstadt Córdoba war vom 10. bis zum 13. Jahrhundert ein Ort des beträchtlichen Austauschs zwischen dem islamischen Osten und Westen, d.h. Andalusien und später zwischen dem islamischen Westen und dem Christentum.

 

Alexandria

Vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert, also beinahe tausend Jahre lang, war Alexandria als Nachfolgerin von Athen das wichtigste intellektuelle Zentrum des Mittelmeerraums. Die Stadt war das Zentrum eines weiten Netzwerks von Städten, darunter Athen, Pergamon, Rhodos, Antiochia und Ephesus, zu denen später auch Rom und Konstantinopel hinzukamen. Bücher und Gelehrte bewegten sich auf dem blühenden Markt der Gedanken auf leichte Weise zwischen ihnen hin und her6. Die Bibliothek und das Museum waren mehr als nur das Symbol dieser Ausstrahlung, ihre reine Konkretisierung als Zentrum der Bewahrung und Brennpunkt der Kreativität, nach einer Idee vermutlich von Aristoteles. Grob geschätzt waren es über 800.000 Manuskripte, die in der Bibliothek aufbewahrt und durch eine großzügige Ankaufspoliti zusammengeführt wurden. Euklid (3. Jahrhundert v. Chr.), Ptolemäus (1. Jahrhundert n. Chr.) und Galen (2. Jahrhundert) lebten hier.

Die glanzvollste Zeit ist die hellenische Epoche. Nach der römischen Eroberung strahlte die Bibliothek weiter aus, geriet aber mit der Christianisierung, dem Schisma und dem Untergang des Weströmischen Reiches in einen langsamen Verfall. Im 5. und 6. Jahrhundert war die Buchproduktion drastisch zurückgegangen, Bibliotheken und öffentliche Schulen waren seltener geworden. Die verbliebene römische Elite sprach kein Griechisch mehr und es gab keine Übersetzungen aus dem Griechischen ins Lateinische mehr. Philosophen waren selbst in Konstantinopel, der Hauptstadt des Oströmischen Reiches, verpönt. Bedeutsames Ereignis: Im Jahr 529 schaffte Kaiser Justinian die Akademie in Athen ab, das Zentrum der neuplatonischen Philosophie und des heidnischen Widerstands. Die Philosophen flohen nach Persien und nahmen ihre Bücher und Lehren mit7. Für die Kirche ging und geht es darum, die Philosophie, Wissenschaft und Literatur der antiken Welt entweder zu zerstören oder in sich aufzunehmen. Die Gelehrsamkeit war jedoch nicht verschwunden, sondern hatte in Klöstern Zuflucht gefunden, wo Mönche das Heil der Seelen und den Fortschritt des menschlichen Geistes miteinander in Einklang zu bringen suchten.

Im Westen selbst wurde das Verschwinden der politischen und administrativen Strukturen des Reiches als eine der Ursachen für die allgemeine Verarmung angesehen, die sich in einem Niedergang der Städte und einem Rückzug auf das Land äußerte, der durch Epidemien und Bevölkerungsrückgang noch verschlimmert wurde.

Die Übermittlung und der Umlauf nichtreligiöser Ideen war in eine Art Eiszeit eingetreten.

 

Das muslimische Reich

Die Aufklärung kam aus Mesopotamien, dem Erbe Alexanders, aus Persien und den arabischen Eroberungen des 7. und 8. Jahrhunderts. Das neue muslimische Reich, das innerhalb eines Jahrhunderts entstand, erstreckte sich von Nordafrika bis zum Himalaya über 12 Millionen km2 und war damit größer als das Römische Reich in seiner größten Ausdehnung. Im Grunde umfasste es zum größten Teil das Reich Alexanders des Großen. Wie Violet Moller betont, war es das erste Mal seit tausend Jahren, dass "die einst durch Alexander den Großen vereinten Länder wieder von einem einzigen Herrscher regiert wurden".

So wie die barbarischen Völker, die das Römische Reich überrannt hatten, waren auch die Araber nicht zahlreich genug, um die von ihnen unterworfenen Völker zu kontrollieren, deren Kultur fortschrittlicher und glänzender war als ihre eigene, noch junge, aus der Wüste stammende. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich entweder zurückzuziehen oder sich zu behaupten, indem sie sich mit der Bevölkerung und den Machthabern arrangierten.

Und es ist die außergewöhnliche Intelligenz der ersten Kalifen, zunächst der Umayyaden und ab 750 der Abbasiden, ebenso brutale wie visionäre Persönlichkeiten, die von den Kulturen der umliegenden Völker hingerissen waren, die sie befähigte, in wenigen Jahrzehnten Handel, extremen Reichtum, intellektuelle Entwicklung und Entwicklung überhaupt miteinander zu verbinden. Das Unternehmen hatte seinen verbindenden Fokus in dem riesigen Stadtprojekt von Bagdad, das sich in wenigen Jahrzehnten von einem kleinen Dorf am Zusammenfluss von Tigris und Euphrat zu einer gewaltigen Metropole am Kreuzungspunkt der Handelswege zwischen Orient und Okzident entwickelte, die für ihre Entwicklung Wissenschaft und Technologie benötigte. Es ist unmöglich, auf weitere Details einzugehen, aber einige wichtige Fakten in sprachlicher Hinsicht sollen erwähnt werden.

- "Im 8. Jahrhundert vereinheitlichte sich das Arabische aus einer formlosen Ansammlung mündlicher Überlieferungen und führte zur Entstehung einer offiziellen Schriftsprache".8

- "Ein gewaltiges Übersetzungsprogramm wurde dann aus dem Persischen oder Pahlavi (schriftliche Form des Mittelpersischen) in Gang gesetzt".

- Eine neue Übersetzungswelle setzte gegen Ende des 8. Jahrhunderts ein, als ein enger Berater des Kalifen, der selbst Griechisch beherrschte, die Übersetzung von Euklids Elementen in Auftrag gab. Die Übersetzungsbewegung wurde durch die Unterstützung nestorianischer Christen verstärkt, die nach der Flucht vor der Verfolgung durch die byzantinischen Behörden zahlreich im Gebiet des Reichs vertreten waren.

- Die Kalifen zögerten nicht, den byzantinischen Kaiser aufzufordern, ihnen wissenschaftliche Texte zuzusenden, um sie ins Arabische zu übersetzen.

- Bagdad war zu einem intensiven kulturellen Brennpunkt geworden, der Gelehrte aus der ganzen Welt in vielen Sprachen anzog.

- Im Jahr 771 wurde ein hinduistisches astronomisches Werk mit dem Titel Brähmasphutasiddhänta des Mathematikers Brahmagupta nach Bagdad gebracht. Durch die Übersetzung dieses Werkes wurde dort der Begriff der "Positionsnotation" entdeckt, der die Grundlage für unsere moderne Dezimalzählung bildet und noch 6 Jahrhunderte benötigte, um sich in Europa durchzusetzen.

- Ende des 8. Jahrhunderts gab es eine weitere wichtige Neuerung, die die Welt der Bücher für immer veränderte: die Einführung des Papiers. "Im Jahr 751 hatten die Araber die Chinesen in der Schlacht von Talas im heutigen Kirgisistan, tief in Zentralasien, vernichtend geschlagen. Zwei der Gefangenen, die nach Samarkand zurückgebracht wurden, enthüllten das Geheimnis der Papierherstellung aus Hanf und anderen holzhaltigen Pflanzen. Die erste Papiermühle der arabischen Welt wurde in Samarkand gebaut und diese Innovation verbreitete sich dann allmählich entlang der Seidenstraßen und erreichte 793 Bagdad".9

- Die Kalifen verstanden es, sich mit brillanten Gelehrten und Ingenieuren jeglicher Herkunft zu umgeben, solange sie nur einfallsreich und umtriebig waren. Unter ihnen spielten die Brüder Banû Mûsâ nicht nur eine wichtige Rolle bei den großen Bauprojekten in Bagdad, sondern gaben auch der Übersetzungstätigkeit einen entscheidenden Impuls. Einer der glänzendsten Übersetzer, den die Banû Mûsâ beschäftigten, war ein junger nestorianischer Christ namens Hunayn, der "den Übersetzungsprozess revolutionierte: Statt einfach Wort für Wort zu übersetzen, nutzte er seine umfassenden Kenntnisse des Syrischen, Griechischen und Arabischen, um die genaue Bedeutung jedes Satzes wiederzugeben"10. "Die andere große Innovation Hunayns bestand darin, so viele Versionen desselben Werkes wie möglich zu sammeln (oft in verschiedenen Sprachen) und diese zusammenzustellen, um eine maßgebliche Ausgabe zu erstellen".11

Das Abbasidenreich verfiel im 12. Jahrhundert und sein Ruhm endete mit der Invasion der Mongolen, die Bagdad 1258 zerstörten.

 

Córdoba

Unsere Analyse der Ausstrahlung der Stadt Córdoba vom 9. bis zum 13. Jahrhundert wird etwas kürzer, denn mit dem Emirat Córdoba, das vom einzigen Überlebenden der Umayyaden-Dynastie von Damaskus gegründet wurde, die 750 von den Abbasiden hinweggefegt wurde, wird die viel ältere Stadt viele Gemeinsamkeiten mit Bagdad aufweisen, ihrer einzigen Rivalin auf kulturellem Gebiet.

Zwei Punkte sollen besonders hervorgehoben werden.

Die Eroberung Nordafrikas und Südspaniens durch arabische und berberische Stämme erwies sich als weitaus schwieriger als im Nahen Osten. Dennoch besiegten die Araber das Westgotenreich schnell, was auf mehrere günstige Faktoren zurückzuführen war. Das westgotische Königreich war demografisch durch Epidemien, Dürre und Hungersnöte, politisch durch die Spaltung des Königreichs und die Rebellionen des Adels und sozial durch die Verfolgung aus religiösen Gründen und insbesondere der Juden geschwächt. Die Eroberer konnten daher von den Spaltungen und inneren Kämpfen profitieren und wurden manchmal als Befreier begrüßt. Violet Moller beschreibt die Gesellschaft des Westgotenreichs in einer für Kultur und Wohlstand wenig förderlichen Weise: "Der Erfolg dieser Kriegergesellschaft hing von regelmäßigen Siegen und damit von Schlachten ab, die ihnen Beute und Land sichern konnten. Ihre Herrschaft über die Iberer war die einer proportional kleinen Elite, die sich im Gegensatz zu den Römern nie wirklich assimilierte und keine neue Gesellschaft gründete. Ständige innere Kämpfe und eine zunehmend unterdrückende Haltung gegenüber ihren Untertanen (insbesondere gegenüber der großen jüdischen Gemeinde in Iberien) waren die Ursache für eine Stagnation in fast allen Bereichen"12. Ganz im Gegensatz also zur muslimischen Eroberung, die mit einer relativen religiösen Toleranz einherging und insgesamt über einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten mit einer großen kulturellen Öffnung.

In dieser Hinsicht, und das ist das zweite Merkmal, entwickelte sich Córdoba kulturell weniger durch Übersetzungen als durch die Übermittlung von bereits ins Arabische übersetzten Werken der Antike aus dem Nahen Osten. Dennoch umfasste die Bibliothek von Córdoba, bevor sie 971 im Zuge einer Welle religiöser Intoleranz teilweise zerstört und ihre Werke verstreut wurden, den Berichten zufolge rund 400 000 Bände, und Córdoba war die größte Stadt des Abendlandes und blieb es bis Mitte des 12. Jahrhunderts. Die Stadt war eine intellektuelle Hochburg ersten Ranges. Die in Córdoba geborenen Gelehrten, Ärzte und Philosophen Maimonides und Averroes (Ibn Rushd) wirkten dort, bis sie selbst Opfer von Verfolgung und Exil wurden.

Ab Mitte des 12. Jahrhunderts, nach der islamistischen Verschärfung unter der Almohaden-Dynastie und dem Fall Córdobas 1236 durch die katholische Reconquista und dem Rückzug des Emirats nach Granada, verlagerte sich das intellektuelle Zentrum nach Toledo. Toledo, das 1085 wieder in den christlichen Besitz gelangte, hatte aufgrund der Verfolgung durch die Almohaden bereits viele Flüchtlinge aus Córdoba aufgenommen.

Der Fall Córdobas 1236 und die Zerstörung Bagdads 1258, die fast zeitgleich stattfanden, markieren geistesgeschichtlich gesehen das Ende der arabisch-islamischen Philosophie des Westens und machten in den folgenden Jahrhunderten Platz für Strömungen, die von der Mystik dominiert wurden.13

Toledo

In Toledo wurden die meisten Übersetzungen antiker Werke aus dem Arabischen ins Lateinische vorgenommen, wodurch Toledo zum wichtigsten Zentrum für die Übermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der muslimischen in die christliche Welt wurde.

Es ist anzumerken, dass in den vom Christentum zurückeroberten Gebieten "kein Gedanke gedeihen wird, der sich in eine Geschichte der Philosophie im Islam einordnen ließe"14. Erwähnenswert ist jedoch die Anwesenheit eines neuen Klerus in Toledo, der aus Benediktinermönchen aus dem Kloster Cluny in Burgund bestand. "Zwischen Toledo und Frankreich, insbesondere mit den bischöflichen Schulen von Paris und Chartres, eröffnete sich eine stark frequentierte Kommunikations- und Reisetätigkeit", betont Violet Moller. .15

In dieser großen Bewegung, die nun einsetzte, spielte eine Persönlichkeit eine zentrale Rolle: Gerhard von Cremona, der auf der Suche nach dem Almagest des Ptolemäus (100-168 n. Chr. in Kanope, Unterägypten) durch Italien und Südfrankreich nach Toledo reiste. Er fand aber auch Die Elemente des Euklid und sehr viele wissenschaftliche Werke. In dieser gewaltigen Übersetzungsbewegung, die sich über das 12. und 13. Jahrhundert erstreckte, wurden viele Werke nach Frankreich in Klöster und Bischofsschulen geschickt, um dort studiert und kopiert und dann über das weit verzweigte Netz der Benediktiner verbreitet zu werden16. Nach Chartres waren es Paris, aber auch Venedig, die aus unterschiedlichen Gründen zu den wichtigsten Zentren des europäischen Geisteslebens werden sollten.

Paris

Paris zunächst, weil im 11. und 12. Jahrhundert ein starkes Bevölkerungs-, Wirtschafts- und Städtewachstum zu verzeichnen war. An diesem Wendepunkt zählte Paris innerhalb der zwischen 1189 und 1215 errichteten Stadtmauern von Philipp August 50 000 Einwohner. Ein Jahrhundert später schätzt man die Zahl der Pariser Bevölkerung auf rund 200 000.

Das christliche Denken verlagerte sich von den Klöstern in die Städte rund um die bischöflichen Schulen oder Kathedralen.

Die Debatten polarisieren sich zwischen religiösen und heidnischen Wahrheiten, zwischen Glaube und Vernunft, zwischen Philosophie und Offenbarung, was den Debatten nicht unähnlich ist, die ein Jahrhundert zuvor das intellektuelle Leben in Córdoba belebt hatten. Sie werden für einige Zeit mit der Heiligsprechung von Thomas von Aquin (1226-1274) durch die Kirche abgeschlossen, der selbst sowohl von der christlichen als auch von der klassischen Kultur genährt wurde, der Institutionalisierung von Aristoteles und der Annahme des Thomismus als offizielle Lehre der Kirche im Jahr 1323.17

Venedig und Florenz

Besondere Aufmerksamkeit verdient jedoch Venedig, in dessen Mittelpunkt Petrarca (1304-1374) steht, der sich von 1362 bis 1367 dort aufhielt. Sein großes Ziel, das ihn sein ganzes Leben lang beschäftigte, bestand darin, "die überaus reiche Lehre der klassischen Autoren in allen Disziplinen wiederzufinden und ausgehend von dieser meist verstreuten und vergessenen Wissenssumme die Forschung, die diese Autoren begonnen hatten, neu zu beleben und fortzusetzen"18. Petrarca hatte im Laufe seiner Reisen und Begegnungen ein "kulturelles Netzwerk aufgebaut, das ganz Europa umfasste und sich sogar bis in den Orient erstreckte. Petrarca bat seine Bekannten und Freunde, die das gleiche humanistische Ideal teilten wie er, ihm zu helfen, in ihren Ländern und Provinzen die lateinischen Texte der Antike zu finden, die sich in den Bibliotheken von Abteien, Privatpersonen oder Städten befanden"19. Venedig, das im Jahr 1300 rund 120.000 Einwohner zählte, war auch ein beliebtes Ziel für Händler, Intellektuelle und Abenteurer mit einer großen griechischen Gemeinde. Petrarca weckte hier Berufungen, insbesondere die von Coluccio Salutati, der, nachdem er Kanzler von Florenz geworden war, laut Violet Moller "Florenz zum Herzen des intellektuellen Lebens Italiens im 14. Jahrhundert und zum größten Marktplatz klassischer Texte gemacht hatte". Im Jahr 1396 lud er den byzantinischen Diplomaten Manuel Chrysoloras ein, um dort Griechisch zu unterrichten. "Chrysoloras' Schüler waren produktive Übersetzer, die ihre neu erworbenen Sprachkenntnisse einsetzten, um neue, überarbeitete Ausgaben klassischer Texte vorzulegen, die direkt aus dem griechischen Original übersetzt wurden"20. Diese Zeit erwies sich als besonders fruchtbar und war von wichtigen Entdeckungen geprägt, darunter Ciceros Briefe an seine Freunde Epistulae ad familiares und das Manuskript von Lucrez De rerum natura (99-55 v. Chr.). Das geopolitisch und kulturell bedeutendste Ereignis war jedoch die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453. Dieser Fall des Byzantinischen Reiches führte zu einer der größten Verstreuungen von Manuskripten in der Geschichte. "Tausende von Texten, die bis dahin in den antiken Bibliotheken der Stadt am Goldenen Horn sicher aufbewahrt worden waren, wurden aus ihren Regalen geholt und in Holzkisten verpackt, dann mühsam mit Karren zum Hafen transportiert und auf Schiffe verladen, die ihre Besitzer ins europäische Exil brachten. Humanistische Gelehrte erwarteten sie bei ihrer Ankunft in Italien mit der Feder in der Hand, bereit, sie zu kopieren, zu übersetzen und zu korrigieren, um die besten und genauesten Versionen zu produzieren"21.

Die italienische und französische "Renaissance" waren nicht mehr weit.

Die Geschichte endet hier vorläufig.

Überall, wo wir waren, sind wir mehrsprachigen Bevölkerungen begegnet. Die kulturellen Brennpunkte waren immer in den Städten, denn in den Städten findet der Austausch statt, aber die Gelehrten sind immer von Stadt zu Stadt gezogen. Die Reisen und die Begegnung bleiben ein wesentliches Attribut des Gelehrten, des Wissenschaftlers, des Denkers, ganz einfach des aufgeklärten Menschen. Aber nicht die Mobilität ist schöpferisch, sondern das Netzwerk. Das Netzwerk hat nicht auf das Internet gewartet, um zu existieren. Wir haben auch die Auswirkungen von Intoleranz, Dogmatismus, vorauseilendem Identitarismus und Verfolgung gesehen. Im allgemeinen ziehen sich Gesellschaften, wenn sie von diesen Übeln befallen sind, in sich selbst zurück und verfallen, und die Erneuerung kommt von außen.

Seine Zeit zu verstehen ist das erste aller Gebote.

1L'Europe sans rivages, François Perroux, PUF, 1954

2Une langue est un dialecte avec une armée et une marine. Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine. A language is a dialect with an army and navy. https://fr.abcdef.wiki/wiki/A_language_is_a_dialect_with_an_army_and_navy

 

3Kolumne in lexpress.fr von Michel Feltin-Palas "L'abbé Grégoire a-t-il sa place au Panthéon ?" (Soll der Abbé Grégoire ins Pantheon?) vom 29. November 2022

4Nouvelle histoire de la langue française, hrsg. von Jacques Chaurand, Seuil, 1999, S.98-102

5Zum Beispiel, neben der vorigen Referenz, Anthony Lodge, "Francien" und "français de Paris", Linx [Online], 12 | 2002, online gestellt am 10. Oktober 2012. URL: http://journals.openedition.org/linx/1296; DOI: 10.4000/linx.1296

6Les sept cités du savoir, comment les plus grands manuscrits de l'Antiquité ont voyagé jusqu'à nous (Die sieben Städte des Wissens, wie die wichtigsten Manuskripte der Antike bis zu uns gelangt sind),Violet Moller, Payot, 2020, aus dem Englischen übersetzt von Odile Demange, S.47

7Ebd. S. 32

8Ebd. S. 86

9Ebd. S. 84

10Ebd. S. 101

11Ebd. S. 102

12Ebd. S. 114-115

13Histoire mondiale de la philosophie, une histoire comparée des cycles de la vie intellectuelle dans huit civilisations (Weltgeschichte der Philosophie, eine vergleichende Geschichte der Zyklen des intellektuellen Lebens in acht Zivilisationen), Vincent Citot, PUF, 2022, S. 150

14Ebd. Die sieben Städte des Wissens, S. 149

15Ebd. S. 154-155

16Ebd. S. 169

17Weltgeschichte der Philosophie, ebd. S. 172

19Ebd.

20Ebd. Die sieben Städte des Wissens, S. 247

21Ebd. S 251