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Die Mehrsprachigkeit, eine Kulturrevolution

Wir müssen von der Einsprachigkeit wegkommen.

Als im Anschluss an die erste Europäische Tagung für Mehrsprachigkeit (Paris, November 2005) die Organisatoren beschlossen, das Europäische Forum für Mehrsprachigkeit zu gründen, konnte sich nicht jedermann vorstellen, wohin uns die Wahl des Begriffs "Mehrsprachigkeit" (plurilinguisme) anstelle des Begriffs "Vielsprachigkeit" (multilinguisme) führen würde.

Im Gegensatz zum Europarat, der der eigentliche Schöpfer des Begriffs ist, haben sich die Europäische Kommission und der Rat der Europäischen Union lange Zeit geweigert, ihn1 zu verwenden, und wollten lange Zeit an der "Vielsprachigkeit" festhalten, auch auf die Gefahr hin, dass der Begriff sehr unterschiedliche Realitäten umfasst. Seitdem haben sich die Dinge ein wenig geändert. So wird der Begriff zum ersten Mal in den "Conclusions du Conseil sur le plurilinguisme et le développement des compétences linguistiques" vom 20. Mai 2014 in der französischen Fassung (deutsche Fassung: "Schlussfolgerungen des Rates vom 20. Mai 2014 zur Mehrsprachigkeit und zur Entwicklung von Sprachenkompetenz") verwendet. In einer "Empfehlung des Rates vom 22. Mai 2019 zu einem umfassenden Ansatz für das Lehren und Lernen von Sprachen" hat der Rat in einer Fußnote Nr. 4 das Bedürfnis, die beiden Begriffe folgendermaßen zu definieren:

"Der Europarat verwendet im Englischen das Wort „plurilingualism“ als Bezeichnung für die Mehrsprachigkeit von Personen, wohingegen in amtlichen Dokumenten der Europäischen Union der Begriff „multilingualism“ verwendet wird, womit sowohl Kompetenzen von Personen als auch gesellschaftliche Gegebenheiten gemeint sein können. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass diese Begriffe in anderen Sprachen als Englisch und Französisch kaum zu unterscheiden sind.".

Diese Erklärung ist betrüblich, um es euphemistisch auszudrücken, denn wenn der Europarat im Rahmen der Arbeit am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen und im Text des GER selbst in den 1990er Jahren die Wortschöpfungen in Französisch ("plurilinguisme") und Englisch ("plurilingualism") tätigen konnte, ist nicht einzusehen, warum es unmöglich sein sollte, das gleiche für die europäischen Sprachen zu tun, denen es an diesen Wörtern fehlt. Dies gilt umso mehr, als die Europäische Union ständig neue Wörter in ihrer ganz eigenen Sprache erfindet und diese neuen Wörter von den Übersetzungsdiensten sofort in diese anderen Sprachen übersetzt und somit geschaffen werden.

Die Fußnote wirft ein weiteres Problem auf. Ist es vernünftig, ein und denselben Begriff für so unterschiedliche Realitäten zu verwenden?

Kraft der natürlichen Sprachen und Sichtweisen auf die Welt

Stellen wir zum Beispiel Vielsprachigkeit als eine faktische Situation dar: Ein Land ist vielsprachig, aber die Mehrheit seiner Bewohner ist einsprachig. Dies ist z.B. in Kanada der Fall, wo 50 % der Französischsprachigen Englisch sprechen, aber nur 10 % der Englischsprachigen Französisch. Das Land ist eindeutig vielsprachig, insbesondere wenn man die Sprachen der indigenen Völker berücksichtigt, und wenn es sich um Mehrsprachigkeit handelt, dann ist sie sehr asymmetrisch. Nur die Französischsprachigen und die indigenen Völker stehen zu ihr.

Man könnte die Mehrsprachigkeit bald als Realität (Luxemburg, die Schweiz), bald als Ziel bezeichnen. Wenn man beide Begriffe verschmilzt, erhält man :

"Land X ist ein vielsprachiges Land. Die Vielsprachigkeit sollte dort ausgebaut werden".

Seltsam, nicht wahr? Dennoch ist das Beispiel real. Es bedeutet, dass das Wort am Satzanfang nicht dieselbe Bedeutung hat wie das gleiche Wort am Satzende. Das ist interessant! Linguisten kennen das: "Mein Vater ist mein Vater!". In der Mathematik kann man noch nicht sagen, dass das erste "a" ein Standpunkt zu "a" und das zweite "a" ein anderer Standpunkt zu "a" ist, aber dass trotzdem "a" = "a" oder dass "a" so wahr wie "a" ist. Das ist eine Frage des Standpunkts. Aber diese Art von Pseudoähnlichkeit, die in natürlicher Sprache funktioniert, kann nicht unter allen Umständen verwendet werden.

Dagegen ist der Satz "Land X ist ein vielsprachiges Land. Es ist sinnvoll, dort die Mehrsprachigkeit auszubauen" sinnvoll.

Ist die erste Formulierung wissenschaftlich und sprachlich akzeptabel? Ganz bestimmt nicht. Die erste Schlussfolgerung, die man ziehen kann, ist, dass den Sprachen, die diese Unterscheidung nicht machen, dieses Konzept schlichtweg vorenthalten wird, obwohl nichts sie daran hindert, sich es anzueignen. Jede Sprache hat ihr Wirkungsvermögen, und alle Simulationen, die wir mit den europäischen Sprachen durchgeführt haben, zeigen, dass sich alle diese Sprachen das Konzept aneignen können. Theoretisch können sich alle Sprachen alle Konzepte aneignen und sind, ebenfalls theoretisch, in der Lage, eine unendliche Anzahl davon aufzunehmen. In der Praxis sieht es anders aus. Alle Sprachen spiegeln unterschiedliche historische Erfahrungen wider, und insofern kann man von "Weltanschauungen" sprechen. Jede Sprache hat ihren Korpus, ein Begriff, den Linguisten lieben, und dieser Korpus ist Träger unterschiedlicher Weltanschauungen, die aber glücklicherweise miteinander kommunizieren können. Diese verschiedenen "Weltanschauungen" erklären, dass der Ausgangspunkt eine Situation allgemeiner "Inkommunikation" ist2, aber die Konfrontation dieser verschiedenen Weltanschauungen durch Deliberation führt zu einer besseren Kommunikation und zu einem besseren Verständnis. In dieser Hinsicht stellt die Europäische Union ein außergewöhnliches Laboratorium dar. Diese Vorbildlichkeit sollte jedoch nicht überbewertet werden. Mehrsprachigkeit, nicht Vielsprachigkeit, ist heute in Afrika eine gewöhnliche Sache. Auch im früheren Europa, wo Reisende, Pilger oder Abenteurer die Sprachen der Länder, die sie durchquerten, lernen oder sich von Dolmetschern führen lassen mussten, war dies eine gewöhnliche Situation.

Die Europäische Union geht offensichtlich davon aus, dass die beiden Wörter gleichwertig sind oder dass die Unterscheidung nicht wichtig ist. Dies lässt sich daran erkennen, dass die "Conclusions du Conseil sur le plurilinguisme et le développement des compétences linguistiques" vom 20. Mai 2014 in ihrer englischen Fassung "Conclusions on multilingualism and the development of language competences" heißen, obwohl die Formulierung "Conclusions on plurilingualism and the development of language competences" hätte lauten können und müssen.

Die Europäische Union als Expertin für sprachliche Mehrdeutigkeit

Kann man wirklich zu dem Schluss kommen, dass die Europäische Union das Konzept der Mehrsprachigkeit nicht kennt?

Man könnte sich vorstellen, dass, wenn die Europäische Union "Vielsprachigkeit" sagt, ebenso wie die Länder, die den Unterschied in ihrer Sprache ignorieren, sie eigentlich "Mehrsprachigkeit" meinen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dies der Fall ist, ist sehr gering. Der Gedanke, der nun folgt ist der, dass die Europäische Union durch ihre Institutionen eine Expertin für Mehrdeutigkeit ist und eher "Sprachenverwirrung" betreibt als deren Wertschätzung, wie sie behauptet. Es ist eine anhaltende Weigerung der Europäischen Union zu beobachten, den Begriff der Mehrsprachigkeit zu verwenden.

Für diese Annahme gibt es mehrere Anhaltspunkte.

In den seltenen Texten in französischer Fassung, die den Begriff "plurilinguisme" verwenden, verwendet die englische Fassung durchweg den Begriff "multilingualism" (Mehrsprachigkeit).

Die europäische Terminologiedatenbank IATE übersetzt durchweg "plurilinguisme" ins Englische "multilingualism" und durch die Äquivalente in anderen Sprachen und insofern sie anerkennt, dass es mehrere mögliche Übersetzungen gibt, empfiehlt sie durchgängig den Begriff "multilinguisme".

Dabei handelt es sich nicht nur um den Ausdruck eines Bemühens um Einfachheit. Indem sie die konzeptuelle Klärung ablehnt, die sehr nützlich wäre, lehnt die Europäische Union in Wirklichkeit das Konzept selbst ab.

Unterschiedliche Konzepte

Es muss nun also erklärt werden, inwiefern sich das Konzept der "Mehrsprachigkeit" grundlegend von dem der "Vielsprachigkeit", wie es gemeinhin verstanden wird, unterscheidet. Natürlich gibt es Menschen, die beide Wörter unterschiedslos verwenden. Andere, die große Mehrheit, kommen überhaupt nicht auf die Idee, dass die Begriffe nicht das Gleiche bedeuten, da sie sich an eine reduzierte Definition halten, die darin besteht, dass Vielsprachigkeit, wie auch Mehrsprachigkeit, die "Fähigkeit eines Individuums, mehrere Sprachen zu verwenden" ist.

Um den Unterschied ganz deutlich zu machen, könnte man hinzufügen, dass Mehrsprachigkeit mehr bedeutet, als mehrere Sprachen zu sprechen.

Und diesen Unterschied gilt es zu bewerten und gleichzeitig zu verstehen, aus welchen tiefgreifenden Gründen die Europäische Union den Begriff, d. h. das Konzept, ablehnt.

Wenn wir uns schnell einen Überblick über das Thema verschafft haben, werden wir feststellen, dass die Mehrsprachigkeit in Bezug auf die Europäische Union kein Accessoire ist, das manche gerne loswerden würden, sondern sie ist die eigentliche Stütze des politischen europäischen Projekts. Die "Mehrsprachigkeit" stellt im Vergleich zur "Vielsprachigkeit" einen großen qualitativen Sprung dar, den die Doxa nicht zu akzeptieren bereit ist.

Die Quellen zur Definition der Mehrsprachigkeit sind zahlreich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich auf eine bestimmte Auffassung von Sprache beziehen, nämlich die der Sprache als Kultur, was dazu führt, dass die mehrsprachige Kompetenz nicht von der interkulturellen Kompetenz unterschieden wird (wobei der Begriff "interkulturell" letztlich dem Begriff "plurikulturell" vorgezogen wurde). Greifen wir dennoch jene historische Definition von Daniel Coste auf:

Mehrsprachige und plurikulturelle Kompetenz ist die Kompetenz, sprachlich zu kommunizieren und kulturell zu interagieren, die ein Sprecher besitzt, der in unterschiedlichem Maße mehrere Sprachen beherrscht und in unterschiedlichem Maße Erfahrung mit mehreren Kulturen hat, und der in der Lage ist, sein gesamtes sprachliches und kulturelles Kapital zu verwalten. Die wichtigste Option ist die Annahme, dass es sich hierbei nicht um eine Überlagerung oder ein Nebeneinander von jeweils einzelnen Kompetenzen handelt, sondern um eine plurale, komplexe, ja sogar zusammengesetzte und heterogene Kompetenz, die singuläre oder sogar partielle Kompetenzen umfasst, aber als Repertoire, das dem betreffenden sozial Handelnden zur Verfügung steht, eine ist. .3

Auf einer Konferenz in Nairobi haben wir eine Formulierung gefunden, die uns begeistert:

"An dem Tag, an dem man versteht, dass die Sprachen beim Zwei- oder Mehrsprachler nicht nebeneinander liegen und unterteilt sind, sondern eine in einer Zirkularität verstreute Gesamtheit bilden, wird man integrieren, dass die Sprachenvielfalt alles andere als ein Handicap ist, vor allem in einer Welt, in der sie mehr und mehr die Regel darstellt."

Wenn wir jedoch eine weitere Ebene erklimmen wollen, um die philosophische Anthropologie zu berühren, müssen wir den Gedanken einbeziehen, dass die Sprache, ohne in ihm aufzugehen, dem Denken ermöglicht, sich zu verwirklichen. Sprache ist geschichtsträchtig, denn alle Wörter sind mit kollektiven Erfahrungen verbunden, und das ist übrigens auch der Grund, warum sich die Bedeutung von Wörtern in einer gemeinsamen historischen Kontinuität entwickelt.

Nicht also ein Code, dessen Regeln für alle Ewigkeit fixiert werden können, denn Sprachen entwickeln sich auf natürliche Weise, während die Geschichte geschrieben wird.

Auch kein Werkzeug also, eine Auffassung, deren Spuren sich bis in die Dokumente des französischen Bildungsministeriums finden lassen.

Um uns weder auf Linguisten noch auf Philosophen zu berufen, möchten wir zwei in dieser Hinsicht interessante Zeugnisse liefern. Zunächst die des Malers Gérard Garouste:

"Als ich Hebräisch lernte, dachte ich, ich würde eine Sprache wie Englisch lernen. Aber wenn man diese Sprache lernt, tritt man in einen anderen Zustand ein, in eine andere Logik. Abgesehen vom Wortschatz lernt man Satzkonstruktionen und die Verwendung von Wörtern, die nichts mit dem zu tun haben, was ich kannte. Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel: "Biene" heißt "Deborah", eine Wurzel aus drei Konsonanten - im Hebräischen gibt es keine Vokale -, die genau die gleichen sind, mit denen man "Wort", "Wüste" und "Pest" schreibt. Wenn Sie also auf das Wort "Biene" stoßen, sollten Sie es nicht von diesen anderen Wörtern trennen, die weder Synonyme noch Homonyme sind. Was hat die Biene mit der Pest oder die Pest mit dem Wort zu tun? Es ist die Übertragung: Die Biene fliegt von Blume zu Blume, sie kommuniziert, indem sie sammelt; und die Pest wird durch Sprechen übertragen. In einem Wörterbuch werden Sie also "Deborah = Biene" lesen, aber in Wirklichkeit muss man das Wort mit einem ganzen Kontext in Verbindung bringen, um die Ausrichtung des Textes zu verstehen. Und da sind wir bei einem Ansatz, der total spannend wird. Als ich anfing, das mit meinem Hebräischlehrer zu erleben, hat das meine Malerei ernsthaft in eine bestimmte Richtung gelenkt."4
Und diese zweite Aussage :
"Die indigenen Sprachen enthalten das Verständnis der Welt unserer Vorfahren". Wabanakwut Kinew5 , Anishinaabé (zitiert von Maurice Rebeix, L'esprit ensauvagé, 2022, S. 163)

Die Sprache ist weder ein Werkzeug noch ein Kommunikationsmittel. Sie kann auf diese Weise verwendet werden, aber grundsätzlich ist sie unendlich viel mehr als das. Die Werkzeugsprache oder die Kommunikationssprache sind nur der sichtbare Teil, wie beim Eisberg. Der Eisberg ohne die 9/10 seines Volumens unter Wasser existiert nicht.

Die Stärke des Begriffs "Vielsprachigkeit" ist seine grundlegende Mehrdeutigkeit, die mit zwei gegensätzlichen Sprachkonzepten vereinbar ist, was bei "Mehrsprachigkeit" nicht der Fall ist.

Die "Vielrsprachigkeit" suggeriert nicht die Vergleichbarkeit von Sprachen, sondern ihre Gleichwertigkeit. Wenn die Sprachen gleichwertig sind, kann man auch nur eine haben. Einsprachigkeit als Ziel ist in dieser Perspektive nur eine Frage der Zeit. Sprachen sind Entitäten, die man addieren oder subtrahieren kann. Zwei Sprachen zu lernen bedeutet, eine Sprache zweimal zu lernen. Genauso wie zwei Autos oder zwei Telefone zu besitzen.

Die "Mehrsprachigkeit" hingegen impliziert die Idee der Pluralität, d. h. die Anordnung mehrerer Realitäten, die in Resonanz gebracht werden können, aber keineswegs aufeinander reduzierbar sind. Zwei Sprachen, drei Sprachen - das sind Horizonte, die sich gemeinsam öffnen und zusammen eine neue Welt bilden. Die Sprachen bilden ein System um die Muttersprache herum, in dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Als der Ausdruck "plurale Linke" (gauche plurielle) in Frankreich Mode war, wäre niemand auf die Idee gekommen, von einer "multiplen Linken" zu reden, denn im wirklichen Leben ist der Unterschied genauso wichtig wie die Ähnlichkeit.

Kulturen Europas

Wenn in einem europäischen Text vom kulturellen Reichtum Europas die Rede ist, ist das keine leere Worthülse.

Erwähnenswert ist der erste Erwägungsgrund der "Schlussfolgerungen des Rates zur Stärkung des kulturellen Austauschs im Wege der Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern sowie Kultur- und Kreativschaffenden und durch Mehrsprachigkeit im digitalen Zeitalter" vom 13. April 2022, also unter französischem Vorsitz:

Die kulturelle und sprachliche Vielfalt ist untrennbar mit der Europäischen Union und ihren Grundwerten verbunden. Sie trägt zur Entfaltung von Kreativität, künstlerischer Freiheit, kulturellem Austausch und zur Vielfalt und Qualität des kulturellen und künstlerischen Angebots für alle Europäerinnen und Europäer bei. Sie fördert das gegenseitige Verständnis und die Achtung von Kulturen und Sprachen und stellt ein gemeinsames Erbe, einen Reichtum, eine Stärke und ein besonderes Merkmal unserer Beziehungen innerhalb Europas und mit der übrigen Welt dar.

Diese Art der Formulierung lässt aufmerken, denn sie kommt in den europäischen Texten, in denen vor allem von Wettbewerbsfähigkeit, Mobilität, Beschäftigungsfähigkeit, Kompetenzen und Bewertung die Rede ist, äußerst selten vor. Eine Diskursanalyse der europäischen Texte wäre unter diesem Gesichtspunkt von großem Interesse.

Indem sie die "Vielsprachigkeit" bewahren wollen, wollen die EU-Institutionen die Ausweitung der Hegemonie des Englischen auf Kosten der anderen europäischen Sprachen offen halten.

Einige setzen sich dafür ein, Englisch zur einzigen Amtssprache der Europäischen Union zu machen, mit der Idee, die Einheit Europas und die Demokratie in Europa durch Englisch zu sichern. Das ist eine totale Illusion.

Legitimitätskrise

Die in den Praktiken und der Symbolik der europäischen Institutionen geförderte Einsprachigkeit schwächt ihre Legitimität, eine Legitimität, die bereits sehr umstritten ist. Sie stärkt die Demokratie nicht, sondern schwächt sie. Damit die Demokratie funktioniert, muss die Interkomprehension gefördert werden, während die institutionelle Dominanz des Englischen die Inkommunikation fördert.

Englisch hat in der Europäischen Union nur knapp über 1% Muttersprachler und zwischen 90 % und 95 % der Bevölkerung sprechen entweder überhaupt kein Englisch (um die 60 %) oder nur rudimentäres Englisch. Es ist klar, dass das europäische All-Englisch zu Inkommunikation, mangelnder Demokratie und versteckten Kosten führt. Die Überwindung der Inkommunikation, die eine natürliche Situation, eine Art Ausgangssituation ist, erfordert große Anstrengungen, die über Fremdsprachenkenntnisse, Übersetzungen und Dolmetschen laufen.

Englisch kann also nur eine von mehreren Amtssprachen in einer Europäischen Union sein, in der Frankreich und Deutschland 37 % der Gesamtbevölkerung stellen.

Die etablierte institutionelle Hegemonie des Englischen tendiert dazu, eine Kastenherrschaft durchzusetzen. In mancher Hinsicht könnte man die heutige Situation mit der der Renaissance vergleichen. Das gesamte intellektuelle und soziale Leben wurde von der Kirche kontrolliert, die sich in Latein ausdrückte, während das Volk schon lange kein Latein mehr verstand. Bereits im 13. Jahrhundert war Dante der erste, der forderte, die "vulgären" Sprachen (die in den Familien gesprochenen Sprachen) auf das Niveau des Lateinischen anzuheben. Und aus diesem Grund schrieb zwei Jahrhunderte später Descartes seinen Discours de la méthode auf Französisch und Galileo Galilei seinen Dialog auf Italienisch, um ein breites Publikum anzusprechen.

In einer Demokratie spricht man in einer Sprache, die jeder versteht.

Die sprachliche Struktur der Rede zur Lage der Union der Präsidentin der Europäischen Kommission sollte in dieser Hinsicht zum Nachdenken anregen.

Paroles UVL

Dies ist eine perfekte Metapher für den Zustand der Europäischen Union.6

Und man sage nicht, Englisch sei eine neutrale Sprache.

Um die Zirkulation von Ideen zu gewährleisten, impliziert Mehrsprachigkeit Übersetzen, Dolmetschen und die Verbesserung der Sprachkenntnisse der Menschen in ihrer praktischen und kulturellen Dimension, um Interkomprehension und erfolgreiche Kommunikation zu gewährleisten.

Die heutige Welt liebt gewalttätige Revolutionen, die immer mehr Gewalt produzieren. Da sie sich auf die interindividuellen und internationalen Beziehungen auswirkt und diese so weit wie möglich befriedet, bietet die Mehrsprachigkeit eine echte Kulturrevolution.

In der Europäischen Charta für Mehrsprachigkeit, die 2005 im Anschluss an die erste Europäische Tagung für Mehrsprachigkeit entworfen wurde, hatten wir die politischen Dimensionen der Mehrsprachigkeit hervorgehoben. Im Anschluss an diesen Leitartikel fügen wir eine Auswahl daraus bei.

 

1Aus unerfindlichen Gründen. Wir vermuten, dass es damals nur das Wort "multilingualism" im Englischen gab und "plurilingualism" in der verwendeten lexikalischen Datenbank fehlte. Inzwischen ist das Wort "plurilingualism" bei Google vorhanden.

2Begriff, den wir Dominique Wolton verdanken, Vive l'incommunication, 2020, EFB; Les incommunications, N° 84 der Zeitschrift des CNRS Hermès, 2019, unter der Leitung von Franck Renucci und Thierry Paquot; Les incommunications européennes, 2017; L'incommunication, Les essentiels d'Hermès, 2013, von S. Lepastier

3Coste et al., 2009, S.12, in COSTE, D., MOORE, D. und ZARATE, G., 2009, Towards a Common European Framework of Reference for the Teaching and Learning of Modern Languages. Mehrsprachige und multikulturelle Kompetenz.

4Gérard Garouste mit Catherine Grenier, vraiment peindre, Seuil, 2021, S. 63-64

5Wab Kinew (geboren als Wabanakwut Kinew am 31. Dezember 1981 in Kenora, Ontario) ist ein kanadischer Politiker. Er ist seit dem 16. April 2016 Mitglied des Provinzparlaments von Fort Rouge und seit dem 16. September 2017 Vorsitzender der New Democratic Party of Manitoba sowie offizieller Oppositionsführer. Wikipedia

6Diese Tabelle verdanken wir der permanenten Überwachung durch den Verein GEM+, dem wir herzlich danken.