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Mehrsprachigkeit und nachhaltige Entwicklung

In dieser unserer, von einer schweren Wirtschaftskrise, von globaler Erwärmung und Terrorismus gebeutelten, unruhigen Zeit, kann man sich berechtigterweise fragen, ob sprachliche Fragen nicht zweitrangig geworden sind.
Es ist nicht immer leicht, zu allen Menschen über die Sprache, die Sprachen, die Sprachenfrage zu sprechen.
Bei den meisten erweist sich, dass sie dieses Thema mit vielen Abstrichen angehen, die höchstens von einer vagen Intuition etwas gebremst werden.
Die vorherrschende, sehr alte Ansicht ist die von der Sprache als Werkzeug.
Ein Werkzeug aber ist nicht kreativ. Könnten wir sagen, dass die bildende Kunst aus Pinseln, Farben und einem Malgrund besteht? Genau das steht dahinter, wenn man sagt, dass die Sprache aus Wortschatz und Grammatik besteht. Eine Sprache ist natürlich etwas anderes. Schreiben, sprechen, singen sind höchst kreative Handlungen, die sich aber alle in der Sprache realisieren. Schon Leibniz sah in der Sprache ein Milieu, das das Denken formt und nicht ein Medium des Denkens. Die Nuance ist keine geringe.
Tatsächlich sichert die Sprache unsere Anwesenheit in der Welt, und zwar in der Gruppe und individuell. Was nicht bedeutet, dass die Sprache uns isoliert. Im Gegenteil. Die Sprache(n) ist/sind für uns das Tor zur Welt. Da die Welt vielsprachig ist, zirkulieren das Wissen, die Gedanken und die Vorstellungen durch die Sprache und die Sprachen. Genau hier sind Mehrsprachigkeit und Übersetzung wichtig.
Die gegenwärtige Zeit ist günstig dafür, dass man sich die Frage der Sprachen klar macht.
Nicht zufällig sind jetzt wieder Begriffe wie Laizität, Identität, Grenze, Staatsbürgerlichkeit in unserer Sprachenlandschaft an die Oberfläche gekommen und sind Gegenstand einer intensiven öffentlichen Diskussion in allen Formen des kulturellen Ausdrucks und in den Familien. Die historische Erfahrung von mehreren Jahrhunderten, die sich mit dieser Gegenwart konfrontiert sieht, bereichert und verbiegt diese Begriffe, deren Bedeutung schillert wie die Farben des Regenbogens, von einem Land zum anderen, von einer Sprache zur andern, von einem Individuum zum anderen.
2008 hatte das EFM, im Rahmen des von der UNESCO ausgerufenen « internationalen Jahrs der Sprachen », einen Aufruf an Künstler und Intellektuelle zugunsten der Mehrsprachigkeit und der sprachlichen und kulturellen Vielfalt gestartet.
2012 in Rom war das Thema der Europäischen Tagung über Mehrsprachigkeit « Sprachen ohne Grenzen: die Mehrsprachigkeit ». Eine Grenze kann offen oder geschlossen sein, und die Sprachen, d.h. die Sprecher dieser Sprachen öffnen sich den anderen Sprachen durch Mehrsprachigkeit und Übersetzung.
In der Weiterführung der vorhergehenden wird das Thema der kommenden Brüsseler Tagung vom 18. bis 20. Mai 2016 sein: « Mehrsprachigkeit und Kreativität: die Sprachen, das Herz Europas. »
Die Sprache ist ein großer Reichtum, den man aber nicht als solchen verklären sollte. Die Sprache befindet sich nämlich im Zentrum politischer und geopolitischer, wirtschaftlicher und sozialer, kultureller und bildungspolitischer Fragen von großer Bedeutung, deren Tragweite jeder Verantwortliche und alle Bürger ermessen müssen.
Die Europäischen Tagungen über Mehrsprachigkeit haben das Ziel, die Diskussion anzuregen und diese Einsicht zu fördern. Es geht darum, auf europäischer und globaler Ebene eine wahrhafte Ökologie der Sprachen und Kulturen zu propagieren.
Die sprachliche und kulturelle Vielfalt Europas verschafft uns einen außergewöhnlichen Reichtum an Sichtweisen auf die und Vorstellungen von der Welt, sie stellt aber auch eine bisher unbekannte Herausforderung dar, die durch keinerlei Form der Einsprachigkeit gelöst werden kann. Deshalb muss die Mehrsprachigkeit, auch wenn sie im Prinzip die einzig Möglichkeit und eine der Grundlagen der europäischen Verträge ist, in minimaler Form organisiert und durch konkrete und operationelle Lösungen unterstützt werden, ob es sich dabei handelt um:

- das tägliche Funktionieren der europäischen Institutionen und ihrer Beziehungen zu den Bürgern der Mitgliedstaaten,

- die Bildungspolitik, in der es darum geht, die Vielfalt der sprachlichen Bildungsgänge zu gewährleisten, und zwar vom Vorschulalter bis zur Hochschule,

- Unternehmen, in denen die Vorteile erwogen werden müssen, die ein angemessener Einsatz der Sprachen als Ressource und als vollwertiger Dimension des Managements bringt,

- oder die Kultur, in der die Mehrsprachigkeit und die kulturelle Vielfalt als ein großartiges Reservoir der Kreativität und Entfaltung erscheint.

Um diese Fragen wird es während der dreitägigen Tagung gehen, auf der sich Wissenschaftler, Entscheidungsträger der nationalen Verwaltungen, der europäischen Institutionen und des öffentlichen und privaten Sektors, sowie Vertreter der Zivilgesellschaft treffen werden.