Wie Autoren ihre Sprachen wählen. Aus der Sicht der Soziologie der Kommunikation.
ISBN 978-3-7069-0270-0.
2004, 278 Seiten
Zwei- oder auch Mehrsprachigkeit ist ein häufig vorkommendes Phänomen,
weltweit möglicherweise weiter verbreitet als Einsprachigkeit. Was die
schriftstellerische Tätigkeit anbetrifft, so gehen wir allerdings
gewöhnlich davon aus, dass Autoren nur eine Sprache verwenden und zwar
gewöhnlich die, welche sie als Muttersprache bezeichnen. Das hängt
damit zusammen, dass das Schreiben als anstrengende, Konzentration
erfordernde Tätigkeit angesehen wird. Autoren von Texten, die zur
Veröffentlichung gedacht sind, stehen unter einem hohen Druck nicht nur
sprachlicher Korrektheit, sondern auch ästhetischer und stilistischer
Akzeptanz. Die öffentliche Kontrolle ist am genauesten für Texte mit
literarischen Ansprüchen. Hinzu kommt, dass jedes Schreiben für die
Öffentlichkeit auch ein Stück Exhibitionismus bedeutet: Jeder Autor
gibt etwas von sich preis, nicht nur bewusst, sondern (oft mehr noch)
auch unbewusst. Das verleitet einen vielfach dazu anzunehmen, dass
Autoren eine genügende sprachliche Kompetenz, literarische Texte zu
schreiben, nur in ihrer Erstsprache besitzen. Nicht zuletzt sind wir
alle aus historischen Gründen von "Reinheitskriterien" beeinflusst,
welche jede Mischung - der Sprachen, der Kultur, des Blutes - als
gefährlich ansehen. Diese können sich bis zu Rassismen mit den
schlimmsten Auswüchsen steigern. Dagegen geht heute die
kulturwissenschaftliche Forschung davon aus, dass im Gegenteil das
Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller Praxen befruchtend
wirkt und dass die großen "Fortschritte" in der Geschichte der
Menschheit gewöhnlich mit solchen Kontakten in Zusammenhang gebracht
werden können. Dazu gehört auch die Aufgabe der Vorstellung von der
ausschließlichen Einsprachigkeit der Schriftsteller.