Ich
möchte, dass man die Institute wirklich als Dialogräume
oder Freiräume versteht, wo man unbehindert arbeiten, reden und
gestalten kann. Dann ist es gut. Ich bin ein subtiler Aufklärer,
der versucht, in jedem Land, ob konfliktträchtig durch
Korruption oder Diktatur, Arbeitsfähigkeit herzustellen.
Wo
ist die untere Grenze für diese Arbeitsfähigkeit, etwa was
den Bezug von deutschen Zeitungen und Büchern angeht?
Zensur
ist ein Merkmal. Wenn wir zensiert werden, wenn wir nicht in der Lage
sind, unsere Bibliothek nach unseren Vorstellungen zu gestalten, wenn
unsere Programminhalte mit Widerständen oder entsprechenden
Abstrafungen belegt werden, dann würde ich sehr deutlich
reagieren. Also: keine Selbstverleugnung. Auf keinen Fall.
Gibt
es im Vergleich zu früher neue Formen der Programmausrichtung,
vielleicht auch der kulturellen Rücksichtnahme?
Ich
gehe nicht mit einem Institut in solche konfliktträchtigen
Bereiche mit einer vorsätzlichen Provokation. Weil ich dann
Ansätze einer zivilgesellschaftlichen Entwicklung störe
oder zerstöre. Wir verlieren dann eigentlich in einem Land. Bei
Afrika beispielsweise finde ich es wichtig, eine innerafrikanische
Öffentlichkeit herzustellen, nicht nur eine Beziehung zu
uns.
Wie unterscheidet sich die Situation des
Goethe-Instituts von der vor zehn Jahren?
Wir haben
mit dem Jahr 1989 einen Einschnitt erlebt, der die Welt, aber auch
uns selbst verändert hat, und damit unsere Position. Ich
betrachte die deutsche Wiedervereinigung als kulturelles Ereignis,
nicht als rein ökonomisches, und das lässt sich mit der
Arbeit des Goethe-Instituts sehr gut vermitteln - mit einem
selbstkritischen Selbstbewusstsein. Wir sind jetzt in unserem Profil
viel deutlicher.
Verstehen Sie sich als eine Art Mittler
unserer gesellschaftlichen Wertvorstellungen?
Ich bin
nicht der verlängerte Arm der Politik oder der Wirtschaft. Ich
möchte aber der Gefahr entgegnen, dass wir uns in der
Außenwahrnehmung in Parallelwelten von Kultur, Politik und
Wirtschaft aufsplitten. Im Grunde bietet die Kultur eine Chance,
diesen verschiedenen Segmenten der Gesellschaft eine Qualität zu
geben, die im Ausland wichtig und gefragt ist. Die Kulturkompetenz,
die wir haben, wollen wir einsetzen, um die Beziehungen Deutschlands
zu stärken. Ihre Glaubwürdigkeit und damit ihre Akzeptanz
liegt in ihrer Unabhängigkeit. Die Programmarbeit ist unsere
eigene Leistung.
Werden die Vorstellungen der
Partnerländer berücksichtigt?
Um ein Bild zu
benutzen: Wir vermitteln unsere Kultur nicht wie mit einem
Raumschiff, man packt seine Kultur ein, bringt sie in ein anderes
Land und stellt sie dort aus. Das machen wir genau nicht. Wir haben
eine andere Auffassung: Wir zeigen uns und lassen uns mit der Kultur
eines anderen Landes ein. Es ist ein Geben und Nehmen - damit haben
wir größere Chancen als manche anderen Nationen. Und wir
sind immer wieder willkommen. Das ist Nachhaltigkeit in den
Beziehungen!
Spielen Menschenrechtspolitik oder
Demokratieexport beim Goethe-Institut eine größere Rolle
als bei den Kulturinstituten anderer Länder?
Von
der Zielsetzung her ja, aber von der Präsentationsform sind wir
subtiler und vielfältiger. Die Politik muss protokollarisch
formal arbeiten. Wenn die Bundeskanzlerin reist, muss sie den Katalog
der Menschenrechte aufblättern. Das Goethe-Institut hat mit
Literatur, Theater, Kunst, mit der Vermittlung von Lebensformen einen
Fächer von Annäherungen - informativ, aber auch
emotional. Das Ziel ist immer klar: Emanzipation. Das ist ein
aufklärerischer Begriff, und Aufklärung ist nicht überall
ein Wert. Aber wenn wir der Überzeugung sind, dass
Eigenverantwortung, Kritikfähigkeit, Emanzipation unsere Art von
Kultur ausmachen, dann müssen wir sie auch vorleben. Wir
befinden uns dann durchaus auch im Gegensatz zu anderen, aber diesen
Gegensatz muss man auch wahrnehmen. Ich bin nicht der Minenhund, aber
ich bin auch nicht der Missionar. Ich suche eher nach Möglichkeiten,
wie unterschiedliche Auffassungen vereinbar gemacht werden können,
was das Zusammenleben betrifft. Menschliches Zusammenleben ist in
erster Linie eine kulturelle Leistung.
Was ist, wenn Sie
keinen Ansprechpartner in der Programmgestaltung finden? Zumal bei
Themen, die uns wichtig sind, wie der Meinungsfreiheit oder der
Trennung von Staat und Religion.
Dann ist mein Partner
das Publikum - die individuellen Menschen, die ins Institut kommen
aufgrund unserer Annoncen. Wir suchen schon gerne Partner, aber Sie
haben natürlich recht: Es gibt Länder, wo wir mit Partnern
nicht arbeiten können, weil es die in dieser
zivilgesellschaftlichen Form nicht gibt.
Die Arbeit des
Instituts ist in vielen Ländern stark davon geprägt, dass
Partner und Infrastruktur erst aufgebaut werden müssen, wie zum
Beispiel in Afghanistan.
Deshalb sind die Programme so
wichtig, die wir jetzt in der Sprachvermittlung machen, weil ich
glaube, dass wir damit einen Humus bekommen, mit dem man später
arbeiten kann. Ich denke insbesondere an unsere Initiative „Schulen:
Partner der Zukunft". Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und
der Zentrale für Auslandsschulwesen gehen wir in die
Schulsysteme dieser Länder und versuchen offensiv, Deutsch als
zweite oder dritte Sprache aufzubauen. Wenn dann noch Kontakte zu den
Goethe-Instituten dazukommen, dann habe ich Chancen für
zivilgesellschaftliche Strukturen.
Entretien avec Klaus-Dieter Lehmann, le nouveau président du Goethe-Institut
- Detalles
Was
ist die Politik, die Philosophie der Arbeit des Goethe-Instituts in
Staaten, die nicht demokratisch verfasst sind?