Die linguistische Landschaft Europas erfährt tiefgreifende
Veränderungen. Innovationen und Entwicklungen in der Sprachpolitik, im
Bildungswesen und im Migrationsverhalten etc. hinterfragen und
verändern die Rollen einzelner Sprachen innerhalb und zwischen
Staaten, ethnischen Gruppen und Nationen. ELDIA (European Language
Diversity for All) ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das
den Begriff des individuellen und gesellschaftlichen Multilingualismus
voranbringen, neu konzipieren und bewerten wird. Experten der
angewandten Sprachwissenschaften und der Soziolinguistik, der
Rechtswissenschaft, der Soziologie und Statistik an acht Universitäten
in sechs europäischen Ländern arbeiten zusammen um zu einem besseren
Verstehen der Interaktion von lokalen, nationalen und internationalen
(Verkehrs-) Sprachen im heutigen Europa beizutragen. Die empirische
Forschung wird anhand eines ausgewählten Samples mehrsprachiger
Gemeinschaften durchgeführt, das das ganze Spektrum verschiedenster
politischer und sozioökonomischer Bedingungen linguistischer
Minderheiten in Europa (zahlenmäßig kleinerer und größerer,
autochthoner oder durch Migration entstandener, vitaler und
gefährdeter, hoch oder kaum standardisierter Sprachen, etc.) abdecken
wird. Alle ausgewählten Minderheitensprachen gehören der
Finno-ugrischen Sprachfamilie an, die in der international zugänglichen
soziolinguistischen Literatur stark unterrepräsentiert ist. Die
Ergebnisse des Projekts werden jedoch übertragbar sein: sie werden
einen Beitrag zur Erforschung des Multilingualismus und der Entwicklung
der Sprachpolitik auch in anderen mehrsprachigen Kontexten sowohl
innerhalb als auch außerhalb Europas leisten.
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Kv(N) = Quänisch (Finnmarkfinnisch) in Norwegen NS(N) = Nordsaamisch in Norwegen Me(S) = Meänkieli (Tornedalfinnisch) in Schweden Ka(F) = Karelisch in Finnisch Ka(R) = Karelisch in Russland Es(F) = Estnisch in Finnland Ve(R) = Wepsisch in Russland SF = Schwedenfinnisch Se(E) = Seto (Setukesisch) in Estland Se(R) = Seto in Russland Võ(E) = Võro (Südostestnisch) in Estland Es(G) = Estnisch in Deutschland Hu(A) = Ungarisch in Österreich Hu(S) = Ungarisch in Slowenien
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Karte 1. Geographische Lage der ausgewählten Sprachgemeinschaften
Ziel des Projektes ist die Entwicklung einer systematischen und generalisierbaren Methode zur Beschreibung, Messung und Bewertung der sich verschiebenden Kräfte zwischen europäischen Sprachen, dem EuLaViBar (European Language Vitality Barometer), angemessen und einfach anzuwenden. Mithilfe dieses Instrumentariums wird es möglich sein verschiedene Situationen bezüglich a) der linguistischen Diversität b) des Gebrauchs verschiedener Arten von Verkehrssprachen in verschiedenen Kontexten und c) Fragen der Vitalität, der Erhaltung und der Gefährdung der betreffenden Sprache zu analysieren. Zudem wird ein allgemeines und prüfbares Modell europäischer Praxis des Gebrauchs von Vehikularsprachen in internationalen, intra-nationalen und regionalen Zusammenhängen entwickelt werden.
Die Innovationskraft des Projekts ergibt sich aus drei neuartigen Annäherungen an das Phänomen des europäischen Multilingualismus:
1) Rekonzeptualisierung europäischer Sprachdiversität: Der Fokus richtet sich nicht mehr auf den erworbenen Multilingualismus (Erlernen der größeren europäischen Sprachen wie Englisch oder Französisch von monolingualen Sprechern europäischer Nationalsprachen) sondern auf ein Verständnis von Multilingualismus als Teil des europäischen Erbes, das den Gebrauch von sowohl nationalen als auch regionalen Minoritätssprachen Seite an Seite von international gängigeren Verkehrssprachen beinhaltet.
2) Einführung von interaktionalen und konstruktivistischen Modellen: Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf konfliktbasierte Modelle (Rivalität unter Sprachen, Multilingualismus als eine psychologische oder sozioökonomische Last für das Individuum oder die Gesellschaft) sondern auf Modelle, die den gesellschaftlichen Dialogismus und gemeinsames Handeln betonen. Anstelle von „languageness“, Sprache als ein abstraktes System, konzentriert sich das Projekt auf „languaging“: aktiven Sprachgebrauch und Sprachwahl.
3) Entwickeln eines differenzierteren Blicks auf Minderheitensprachen: Der Fokus wird nicht mehr auf vereinfachende Konzepte wie Sprechen/Verstehen vs. nicht Sprechen/nicht Verstehen einer Sprache gelenkt, sondern auf die komplexe Rolle der Sprache als ein Träger symbolischer Funktionen und kultureller Werte und auf das breite Spektrum der auf Sprache basierenden kulturellen Praktiken.
Die Ergebnisse des Projekts werden in wissenschaftlichen Foren (Fachorganen, Konferenzen) sowie auf der noch entstehenden Webseite des Projekts und verschiedenen Veranstaltungen für ein breiteres Publikum veröffentlicht werden. Uns liegt besonders daran, NGOs, lokale Sprecher und andere Vertreter von Interessensgruppen mit einzubeziehen.
Das Projekt hat eine Laufzeit von 42 Monaten und wird im Frühjahr 2010 beginnen.