Quelle: Bundeszentrale für die politische Bildung, 13 September 2010
Seitdem die Finanzkrise zu einer weltweiten Wirtschaftskrise geworden ist, werden auch diejenigen Stimmen lauter, die von einem wirtschaftlichen Kollaps der Europäischen Union sprechen. Denn es hat sich gezeigt, dass eine reine Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik die in ihren Wirtschaftsstrukturen so ungleiche Europäische Union nicht nachhaltig verbinden kann. Und so mehren sich selbst in seriösen Berichterstattungen verkürzende Aussagen, dass Südeuropa wirtschaftlich eben anders funktioniert als Nordeuropa und die letzteren eher stabilitäts- und die anderen eher inflationsorientiert handeln (vgl. Wirtschaftswoche Nr. 20, 17.5.2010).
Dies ist nichts anderes als die Bestätigung des berühmten Europakonstrukteurs Robert Schuman, der betonte, dass er mit der Kultur beginnen würde, wenn er Europa nochmals aufzubauen hätte (Schumann 1986). Wenn also nicht einmal ein Konsens in dem von Zweckorientiertheit geprägten ökonomischem Feld zu finden ist, dann deuten die Hervorhebungen sprachlich-kultureller Besonderheiten in der Diskussion um Euro, Stabilitätspakt usw. auf tiefer gehende Verschiedenheiten in der EU hin, die durch wirtschaftlichen Aufschwung und das gemeinsame Projekt EU in Nichtkrisenzeiten der vergangenen 50 Jahre stärker kaschiert wurden als bisher angenommen.